Oktober 98, 16. 
Interview mit Thomas Hertzler, Geschäftsführer und Inhaber von Blue Byte Software
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Sven: Es ist mir eine große Ehre, endlich mal den Chef von Blue Byte persönlich interviewen zu dürfen. Danke auch im Namen aller Siedler-Fans, daß Du dir die Zeit dazu nimmst.

Thomas: Ist mir eine Freude. Ich fühle mich den Fans sehr verbunden, da ich selbst (zu) viel spiele ;c).

Sven: Du hast DIE SIEDLER III ja auch schon intensiv getestet. Wie ist Dein persönlicher Eindruck?

Thomas: Ich glaube, daß SIEDLER III viel Neues zu bieten hat. Die Grafiken sind mit einer Detailliebe gemacht, die man sonst selten zu sehen bekommt. Auch die Umsetzung der Animationen ist schon fast als genial anzusehen. Der Knalleffekt für mich ist aber der Multiplayer-Teil. Hier sehe ich auch ein unglaubliches Entwicklungspotential.

Sven: Wo hältst Du Dich vorwiegend auf - in den USA oder in Deutschland?

Thomas: Ich muß meine Zeit zwischen Deutschland und den USA aufteilen. Die meiste Zeit verbringe ich jedoch in unserer Zweigstelle in Austin, Texas.

Sven: Wie sieht eigentlich das Tagesgeschäft des Chefs von Blue Byte aus?

Thomas: Das hängt davon ab, in welchem Produktzyklus wir uns befinden. Gerade zum Ende hin verbringe ich viel Zeit damit, unsere Spiele zu testen und Verbesserungsvorschläge einzubringen. Zu anderen Zeiten versuche ich, mir ein Bild von der Branche zu machen und neue Produkte oder Talente zu suchen. Permanenter Bestandteil meiner Tätigkeit ist es, die beiden Welten von Sales/Marketing und Entwicklung zu verbinden. In den vergangen 10 Jahren habe ich alle Geschäftsbereiche zu dem einen oder anderen Zeitpunkt mal selbst gemacht, inklusive Buchhaltung und Produktion. Ganz am Anfang, noch vor Blue Byte, habe ich selbst Spiele entwickelt. Daher bin ich für dieser Aufgabe bestens gewappnet (auch wenn es manchmal ganz schön stressig ist, wenn man zuviel weiß).

Sven: Wie ist Blue Byte eigentlich entstanden? Mit wie vielen Mitarbeitern hast Du angefangen, und was war Euer erstes Game?

Thomas: Angefangen haben mein ehemaliger Partner Lothar Schmitt und ich vor 10 Jahren. Die Idee dabei war eigentlich, Spiele zu entwickeln und den Vertrieb anderen zu überlassen. Wir waren also genau 2 (in Worten: zwei). Die allerersten Ideen haben wir schnell wieder verworfen. Am Ende war es dann Great Courts, eine Tennissimulation, welches wir als erstes Produkt vom Stapel haben laufen lassen.

Sven: Blue Byte hat in Deutschland einen sehr hohen Bekanntheitsgrad. Ist das in den USA ähnlich?

Thomas: Unser Bekannheitsgrad in Europa ist schon sehr viel höher als in den USA. Seitdem wir aber, vor drei Jahren, unsere Zelte in Chicago aufgeschlagen haben, können wir einen starken Aufwärtstrend erkennen. Zuvor wurden unsere Produkte von bekannten US-Publishern vertreten. In deren Öffentlichkeitsarbeit kam der Name Blue Byte oft zu kurz. Mit dem Release von SIEDLER III hoffen wir, gerade im Online-Bereich auf der Bekanntheitsleiter  nach oben zu steigen.

Sven: An welchem Game arbeitet Blue Byte USA zur Zeit?

Thomas: Blue Byte USA hat eigentlich keine eigene Entwicklungsabteilung. Murder of Crows, ein der Blue Byte Gruppe angeschlossenes Unternehmen, arbeitet zur Zeit an Shadowpact, einem Online-Spiel der nächsten Generation. Allzuviel kann ich darüber allerdings noch nicht verraten.

Sven: Wirst Du nach Veröffentlichung von SIEDLER III überhaupt selbst Zeit zum Spielen haben?

Thomas: Man wird mich sicherlich häufig in der SIEDLER III Lobby antreffen. Ob ich spiele, hängt davon ab, ob ich noch eine Chance gegen die Experten haben werde. Ich verliere so ungerne ;c) Vielleicht gibt Volker mir ja einen Cheat.

Sven: Wieviele Leute arbeiten bei Blue Byte insgesamt, und in wie vielen Ländern ist Blue Byte vertreten?

Thomas: Zur Zeit arbeiten ca. 60 Mitarbeiter als Angestellte für Blue Byte. Dazu kommen noch externe Mitarbeiter und Teams, wie zum Beispiel KAiNAi.

Neben Mülheim und Austin haben wir noch ein Büro in Northampton, UK. Die Mitarbeiter dort decken neben Großbritannien noch einen großen Teil unseres Exportgeschäfts ab. Wichtige Abnehmer sind Skandinavien, Italien, Australien und der Ferne Osten.

Sven: Welches Spiel beeindruckt Dich zur Zeit am meisten (außer SIEDLER III)?

Thomas: Muß ich da wirklich drauf antworten? Meine PR-Abteilung bringt mich um. Also gut, auf Dein Risiko. Von den allerneusten Demos spiele ich SiN, Half Life, Shogo, Grand Prix Legends und WWII Fighters.

Sven: Du leitest ein sehr erfolgreiches Unternehmen. Was möchtest Du mit Blue Byte noch erreichen, und wie lange meinst Du, diesen Job noch machen zu können?

Thomas: Langfristig möchte ich Blue Byte in einen reinen Content-Provider umwandeln. Wir nennen das Ganze BlueByte.Net. BB.Net wird eine ganz eigene Erlebniswelt darstellen, inklusive Lobby, Chat, Fanclub, Wettbewerben und Weltranglisten. Anstatt unsere Spiele vom Windows Start-Menu aufzurufen, wird man sich auf die Home Page von BB.Net begeben. Bevor man sich bei "Die Siedler X" gegenseitig die Köpfe einschlägt, kann man im Chat noch schnell ein Schwätzchen mit Freunden abhalten und in der Weltrangliste nachschauen, ob man sein Gameplay noch verfeinern muß.

Sven: Wie schaffst Du es, neben Deinen repräsentativen Aufgaben noch ein Gespür für den Markt zu behalten?

Thomas: Blue Byte hat viele fähige Köpfe im oberen Management. Barbara West (GE) Steve Spence (UK) und Mark Hall (US) helfen mir, die Firma zu führen und zu repräsentieren, so daß für mich genug Zeit bleibt, um den Kontakt zum Markt nicht zu verlieren.

Sven: Was macht Thomas Hertzler eigentlich privat?

Thomas: Früher bin ich regelmäßig Motorrad gefahren. Im Moment bleibt nicht viel Zeit für private Aktivitäten, aber nach SIEDLER III möchte ich gerne meinen Pilotenschein zu Ende bringen.

Sven: Bestimmen die Spieleentwickler die Hardware, oder die Hardwareentwickler das Spiel?

Thomas: Software und insbesondere Spiele treiben die Consumer Computerindustrie.

Sven: Wie stehen die Chancen für Siedler IV?

Thomas: Hmm, laß' mal sehen ... Ist die Frage ernst gemeint?

Sven: Welches Projekt wird Blue Byte Deutschland nach SIEDLER III in Angriff nehmen?

Thomas: Auf Basis einer neuen 3D-Engine, die von KAiNAi in Dortmund entwickelt wird, wird es mindestens zwei Produkte geben. Eines werden wir im Haus unter Leitung von Erik Simon entwickeln und das zweite von KAiNAi selbst. Für die nächsten neun Monate werden wir parallel noch an SIEDLER III -Verbesserungen und Zusatzprodukten arbeiten.

Sven: Wie siehst Du die Zukunft des Computerspielemarktes generell? Glaubst Du, daß der Altersdurchschnitt nach oben gehen wird?

Thomas: Davon gehe ich aus. Wir werden ja schließlich alle älter, und solange Hersteller die Inhalte ihrer Spiele anpassen, wird es auch einen Markt geben.

Sven: Was ist für die Zukunft SIEDLER III geplant - wird es eine Mission-CD geben?

Thomas: Und noch vieles mehr, aber das wird noch nicht verraten.

Sven: Vielen Dank für Deine kostbare Zeit.

Thomas: Es war mir eine Freude.

 

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